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Rezension

Matthias Gemählich: Frankreich und der Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher 1945/46, Frankfurt a.M. : Peter Lang 2018


Die Bedeutung Frankreichs beim internationalen Hauptkriegsverbrecher Prozess, der zwischen November 1945 und Oktober 1946 in Nürnberg stattfand, ist ein bisher von der Forschung vernachlässigter Aspekt der französischen Nachkriegsgeschichte. Nicht zuletzt in Frankreich selbst herrscht noch immer weitgehende Unkenntnis darüber, welchen wichtigen Anteil das Land an der Durchführung des Prozesses hatte.

Diese Wissenslücke schließt Matthias Gemählich mit seiner lesenswerten Dissertation, die im Rahmen einer Cotutelle an den Universitäten Mainz und Paris I (Panthéon-Sorbonne) entstand. Der chronologische Aufbau der Arbeit erleichtert es den Leserinnen und Lesern, sich in diese juristische und damit komplexe Materie hineinzufinden. Wie der Autor gut herausarbeitet, hatte Frankreich entscheidenden Anteil an der Gestaltung des Prozesses und leistete damit einen maßgeblichen Beitrag zur Gestaltung des humanitären Völkerrechts. Besonders hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang das Vorgehen der französischen Anklagebehörde, die die Perspektive der Opfer fest im Verfahren verankerte. Ein Grund hierfür waren die Biografien der Chefankläger und ihrer Stellvertreter, die sich als ehemalige Mitglieder der Résistance selbst mit dem NS-Unterdrückungsapparat konfrontiert sahen.

Der Autor beschreibt zunächst den Weg Frankreichs hin zur Teilnahme am Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess. Noch vom Londoner Exil aus hatte Charles de Gaulle als Vertreter der France libre den Grundstein dafür gelegt, als er im Januar 1942 öffentlich forderte, die deutschen Verbrechen in den besetzten Ländern im Rahmen eines Strafprozesses nach Ende des Krieges zu ahnden. Damit stellte er sich gegen die anfänglich von Großbritannien vorgebrachte Position, die für den Krieg verantwortlichen hohen deutschen Funktionsträger summarisch hinzurichten.

Danach stellt Matthias Gemählich ausführlich die personelle Besetzung der französischen Delegation in Nürnberg dar, die zu ihrer Hochphase annähernd 250 Mitglieder umfasste und damit die zweitgrößte war. Die französische Regierung hatte die große juristische und politische Bedeutung des Nürnberger Prozesses erkannt und wollte an der Seite der USA, Großbritanniens und der Sowjet-Union auf der politischen Weltbühne adäquat vertreten sein. Deshalb wählte die französische Regierung ihre  Repräsentanten entsprechend sorgfältig aus, wobei zwei Kriterien maßgeblich waren: Alle Anklagevertreter mussten Volljuristen sein und sich nachweislich im Widerstand engagiert haben. Sie standen also mit ihren Biografien für das Frankreich der Résistance, das in Nürnberg Anklage erhob.

Der erste französische Chefankläger war der 1900 geborene François de Menthon, ein enger Vertrauter de Gaulles und Justizminister in dessen provisorischer Regierung zwischen September 1944 und Mai 1945. Ferner war er Mitbegründer der katholisch-konservativ geprägten Widerstandsgruppe Liberté. Im Juli 1943 floh er zu de Gaulle nach London. Bevor er nach Nürnberg berufen wurde, hatte er in Frankreich die Sondergerichte gegen Kollaborateure eingerichtet. Da François de Menthon jedoch vor allem innenpolitische Ambitionen hatte, hielt er Anfang Januar 1946 beim Prozess nur das Eröffnungsplädoyer und trat dann zurück.
Sein Nachfolger wurde der fast 20 Jahre ältere Auguste Champetier de Ribes, der ebenfalls Jurist war, jedoch im Unterschied zu seinem Vorgänger der Generation angehörte, die am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatte. Als einer der wenigen Abgeordneten des französischen Parlaments hatte er 1940 gegen die Übertragung der uneingeschränkten Regierungsmacht an Pétain gestimmt. Als Mitglied der Widerstandsbewegung Combat, die ebenfalls dem konservativen politischen Lager zuzurechnen ist, war er in Frankreich für zwei Jahre interniert worden. Ab Januar 1946 übernahm er die Position des Chefanklägers in Nürnberg, jedoch war er mehr Zuschauer als Akteur, weil er in die Materie nicht eingearbeitet und außerdem gesundheitlich angegriffen war. Deshalb konnte er streckenweise der Verhandlung nicht beiwohnen und trug schließlich nur Ende August 1946 das Schlussplädoyer vor.
Da die beiden Chefankläger sich nicht vollständig in die Anklagebehörde einbringen wollten bzw. konnten, wurde Charles Dubost als deren erster Stellvertreter zur tragenden Säule der französischen Anklage und stellte deren fachliche und personelle Kompetenz und Kontinuität sicher. Als Richter und Staatsanwalt hatte sich der 1905 geborene Jurist bereits in der Zwischenkriegszeit einen Namen gemacht. Wie die beiden Chefankläger gehörte auch er dem französischen Widerstand an und hatte sich bereits als Ankläger bei den Sondergerichten gegen Kollaborateure in Frankreich einen Namen gemacht. Im September 1945 in die französische Anklagebehörde berufen, widmete er sich fortan ausschließlich seiner neuen Aufgabe. Der brillante Jurist galt jedoch im persönlichen Kontakt mit seinen amerikanischen und britischen Kollegen als wenig umgänglich und stand zudem bei diesen – wenn auch völlig zu Unrecht– im Ruf ein überzeugter Kommunist zu sein. Schwerer als die persönlichen Animositäten wogen jedoch unterschiedlichen Rechtsauffassungen. Während Frankreich das Führen eines Angriffskrieges durch die NS-Führer als eine politische Angelegenheit betrachtete, die den geplanten Prozess nicht betraf, vertrat der amerikanische Chefankläger Robert H. Jackson genau die gegenteilige Position, der sich Frankreich widerwillig anschließen musste. Im Unterschied zur britischen Position wiederum trat Frankreich von Anfang an für die Kollektivschuldthese ein.

Es war Aline Chalufour, die einzige Juristin der französischen Anklagebehörde, der es gelang, die persönlichen und juristischen Gräben zu überbrücken, weil sie nicht nur perfekt Englisch sprach, sondern auch mit den Besonderheiten der amerikanischen und britischen Strafgerichtsbarkeit bestens vertraut war. 1899 geboren, hatte sie zunächst in Paris Anglistik studiert, bevor sie zur École libre des sciences politiques wechselte und dort ihr Studium mit einer rechtswissenschaftlichen Doktorarbeit abschloss. Da sie als Frau zu diesem Zeitpunkt in Frankreich keinen Zugang zum Amt einer Richterin oder Staatsanwältin erhielt, ging sie in die USA und nach Kanada und arbeitete dort an Fachpublikationen mit. Von 1942 bis 1944 arbeitete sie in Ottawa für die France libre. Im Juni 1944 holte sie François de Menthon zu sich ins Justizministerium.
Im Verlauf des Prozesses konzentrierten sich die Franzosen auf die Anklagepunkte «Kriegsverbrechen» und «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» in West- und Nordeuropa. Damit vertrat Frankreich auf der internationalen Bühne auch die Benelux-Staaten sowie Dänemark und Norwegen. Die französische Anklageschrift umfasste vier thematische Schwerpunkte: die Gräueltaten an Zivilisten, Verbrechen an Kriegsgefangenen, Zwangsarbeit und wirtschaftliche Ausplünderung der besetzen Länder sowie deren Germanisierung. Besonders hervorzuhaben ist bei der französischen Anklagebehörde die Beweisführung aus der Perspektive der Opfer, worin man sich methodisch von den anderen Anklägern unterschied. Während diese ihre Beweisführung fast ausschließlich auf erbeutete deutsche Schriftstücke stützten, riefen die französischen Anklagevertreter darüber hinaus KZ-Überlebende in den Zeugenstand und repräsentierten damit bewusst die Perspektive der Opfer. Darüber hinaus war es vor allem das von der französischen Anklagebehörde zusammengetragene Beweismaterial, auf das die Richter ihre Todesurteile gegen Joachim v. Ribbentrop, Alfred Rosenberg, Robert Sauckel und Arthur Seyß-Inquart stützen konnten.

Der eintönige Verfahrensablauf und die Tatsache, dass Frankreich seine Anklage erst als dritte Partei nach den USA und Großbritannien vortrug – und damit fast drei Monate nach dem Auftakt des Prozesses– führten in der französischen Öffentlichkeit schnell zur dessen Ablehnung. Sie sah darin ein Diktat der Amerikaner, die Frankreich keine Handlungsspielräume zubilligten. Die Presse unterstützte maßgeblich diese verzerrte Sichtweise, obwohl die vor Ort anwesenden französischen Journalisten und Journalistinnen um die Komplexität des Prozesses mit vier Verhandlungssprachen, 22 Angeklagten, vier Hauptanklägern und acht Richtern wussten. Hinzu kamen noch die Rechte der Verteidigung, die man nicht beschneiden konnte, um seitens der Alliierten nicht in den Verruf der Siegerjustiz zu geraten.

Als die Urteile verkündet wurden und nicht durchgängig Todesurteile verhängt worden waren, brach in Frankreich ein Sturm der Entrüstung los. Sowohl die zahlreichen und politisch sehr einflussreichen Deportiertenverbände als auch die linke Presse sahen im Prozess die „Schande von Nürnberg“ und eine Verhöhnung der Opfer. Beides geschah zu Unrecht, wie Matthias Gemählich in seiner Arbeit eindrucksvoll herausarbeitet. Denn trotz seiner personellen Diskontinuität an der Spitze der Anklagebehörde hat Frankreich im Rahmen des Nürnberger Hauptkriegsverbrecher-Prozesses völkerrechtliche Pionierarbeit geleitet hat. Dazu zählt vor allem der Umstand, dass man die Beweisführung aus Sicht der Opfer geführt hat und somit die Angeklagten mit deren Leid konfrontiert hat. Frankreich hat also den Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher aktiv mitgestaltet und wichtige eigenständige Beiträge geleistet. „Dieser Beitrag verdient es, der Nachwelt in Erinnerung zu bleiben. (S. 353)“

Die Rezensentin kann sich dieser Bewertung nur anschließen. Gewünscht hätte sie sich jedoch eine umfangreichere Darstellung der Rezeptionsgeschichte des Prozesses und inwieweit diese ebenso wie die gesamte Historiographie der années noires durch Interessenvertretungen der Deportierten und Mitglieder der Résistance nachhaltig geprägt wurde.

Mit dieser Arbeit gelingt Matthias Gemählich eine äußerst differenzierte Darstellung der Rolle Frankreichs während des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses, mit der ihm eine Pionierleistung gelungen ist.

M. Gemählich: Frankreich und der Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher
© Verlag Peter Lang
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